Das neurotische Tagebuch

Uff.
Hier ist sie endlich, meine neue Homepage. Was für eine Übung. Da stellen sich automatisch plötzlich Fragen, die ich nie stellen wollte. Allgemein profane Fragen wie: Wieso sieht jetzt die Introseite im Firefox wieder Scheisse aus? Ging doch im Explorer. Bis hin zu: To frame or not to frame? Eine dermassen grundphilosophische Frage, dass Herr Shakespeare schon mal herhalten muss.
Gut, eine funktionierende Homepage ist eines. Nur muss dann auch noch Inhalt her. Hier also mein Tagebuch. Weshalb neurotisch? Da fragst du noch?
Allein die Herstellung einer Homepage dürfte ausreichen, um bei bisher sorgenfrei gesteuerten Menschen eine Neurose hervorzurufen. Ich beginne beispielsweise bei der Fehlersuche im Code unkontrolliert zu fluchen. Tourette-Erkrankte werden die Problematik kennen. Meine Nachbarn, die direkt hinter meinem Bildschirm wohnen (also eine Wand hat's auch noch), schwören zwar immer noch, sie hätten noch nie was gehört. Ein Segen, wenn des Nachbars Gehör im Alter nachlässt.
Ein Tagebuch. Streng genommen liesse das vermuten, dass ich mich täglich zu meinem und der Welt Befinden äussern werde. Weit gefehlt. Der geneigte Leser muss schon mit einer deutlich tieferen Frequenz Vorlieb nehmen. Schliesslich handelt es sich um das Tagebuch einer Neurotikerin. Ein neurotisches Tagebuch kann nicht täglich ergänzt werden, da sonst die unterliegenden Neurosen völlig vernachlässigt und untergraben würden. Kann ich mir nicht leisten, schon rein imagemässig nicht. Neurosen müssen auch gelebt und erlitten werden…
Apropos: Schreibe ich jetzt das "Tagebuch einer Neurotikerin" oder "Ein neurotisches Tagebuch"? Handelt es sich um Synonyme oder folgt vielmehr das eine aus dem anderen? Da mein Compi als Tagebuch fungiert, wird der jetzt neurotisch? Gibt es da bereits Anti-Neurotics-Software? Ist mein Compi erst mal neurotisch, also quasi wir beide, was passiert dann, wenn ich eine Psychose entwickle? Gibt's da ein Upgrade oder muss ich mir dann doch endlich einen Apple kaufen?
Ganz ruhig. Nicht gleich mit dem ersten Tagebucheintrag alle verschrecken. Aber die Vorstellung, dass mein psychisches Wohlbefinden durch elektronische Geräte beeinflusst wird, macht mich schon latent paranoid. Gerade der Computer ist ein gutes Beispiel. An guten Tagen fluche ich die Microsoft-Kiste nur alle 10 Minuten zusammen, weil sie wieder mal etwas tut, womit ich nun so gar nicht einverstanden bin. Auch andere Geräte scheinen mehr eigene Persönlichkeit als Samuel Schmid zu haben. Die Geschirrspülmaschine ist nur noch dicht, wenn ich ihr einen dünnen Lappen zwischen die erschlaffte Gummidichtung schiebe. Andere liessen das reparieren. Ich hingegen ergebe mich völlig dem Charme zickiger Haushalts- und Elektrogeräte, so auch der Stereoanlage. Diese schaltet sich mit Vorliebe mitten in der Nacht selbständig ein und reisst mich Meatloaf aus dem Schlaf. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich ganz froh darüber bin, dass simple Geräte auch ihre Murmeln verlieren können.
Auch beim alltäglichen Konsum lauern für die Hobby-Neurotikerin überall Gefahren. Wer schon mal in einem Starbucks war, weiss wovon ich spreche. Eigentlich will ich nur einen Kaffee, vielleicht noch mit etwas Milch. Nein, heute musst du dir dein Image schon vor der Ladentür zurechtbiegen, um zu wissen, ob du jetzt zu den trendigen, mit Becher rumlaufenden Kaffetrinkern (früher: Penner) gehören willst (Latte Macchiato), zu den Kennern (Espresso oder Ristretto) oder zu denen, die einfach ne Dosis Koffein, ev. angereichert durch etwas Laktose brauchen (scheissegal welcher Kaffee). Letzteres Begehren scheitert am endlos langen Angebot (Caffé Latte, formerly known as Milchkafi), Cappucino (dito, mit Schoggipulver), Caffé Americano (bis zur Unkenntlichkeit runterverdünnter Espresso), Caffé Mocca (Schoggi, Espresso und Milch, vgl. Cappucino), Caramel Macchiato (will ich gar nicht wissen...), Espresso (erfrischend einfach, wird ich wohl in Zukunft bestellen), Espresso Macchito (Espresso mit Milch), Espresso con Panna (Espresso mit Rahm). Und das alles noch in 3 praktischen Grössen.
Falls du dich je in England in einen Sternentaler verirren solltest, bei "small" in Verbindung mit "cup" werden die dich zurück auf den Kontinent starren. Unter "tall", also gross gewachsen, geht gar nichts. Das wirkliche Elend beginnt nach dem Bezahlen und Einsammeln des überteuerten Gebreus. Nur Anfänger trinken den Kaffee, nennen wir das Getränk mal einfachheitshalber altmodisch, so wie er am Abholpoint hingestellt wird. Jetzt kommt das Zubehör: Zucker, Süssstoff (soweit, so gut), Vanille, Schoggipulver (weil der Cappucino ein einfacher Milchkaffee ist, für die Bestreuung ist der Kunde selbst verantwortlich) und Muskatnuss. Hat man das hinter sich gebracht, will man sich nur noch hinsetzten und gemütlich zum Kaffee eine rauchen. Geht nicht. Nichtraucher. Also muss man in die Kälte zum Becher balancieren, wo man sich prompt den Mund an der Schnabeltasse verbrennt. Daher der Preis: Kaffee plus eine halbe Stunde Erlebnisgastronomie. Erlebt gehe ich nach Hause, Neurosen gegen moderne Kaffee-Outlets entwickeln. Und ich finde zu recht.


© Carol Ernst (März 2008)