Eine Ostersatire


Deutschland sucht den Superjesus

Noch zehn Minuten. Wo bleibt denn das aufgeblasene Arschloch?, denkt sich der Aufnahmeleiter. Er wird doch nicht in einer göttlichen Eingebung den Fahrstuhl vor einer Livesendung, dieser Sendung, genommen haben? Da castet man monatelang trübe Tassen, landesweit, um in einer finalen Osterübertragung den ultimativen Superstar zu wählen. Als ob es nicht genug Planung, Meetings, Business Lunches und Powerseminare im Vorfeld gegeben hätte. Einen Moderator zu finden war ohnehin nicht einfach. Nicht alle Fernsehtalker wagen sich an eine gottähnliche Position im Fernsehen, zumindest nicht die, welche man sehen will. Harald Schmidt macht solche Shows ja nicht mehr. Also musste man sich für ein neues Riesentalent entscheiden. Karsten Spengemann oder Roman Kilchsperger können nun wirklich nicht göttliche Weisheit ausstrahlen. Gut, der hier auch nicht, aber den kennt die Glotzgilde noch nicht. Und so geschieht es zu Köln, dass Sigi Klappenbach zum Showgott ernannt wird. Eine Spätberufenen-Karriere, welche metaphysisch durchaus zu einem ehemaligen Fleischermeister passt.

Hochmotiviert stürmt die neuste Primadonna der "Let me entertain you"-Generation herbei und schalkt: "Gott hatte ja auch nur 7 Tage, let's gouu". Ja, aber wenigstens hatte der nicht auch noch sieben Köpfe im Programm. Noch zwei Minuten, die Titelmusik, nicht neu, aber neu gesungen von den Wiener Sängerknaben, arrangiert und beklimpert von Dieter Bohlen, erschallt. "Jesus Christ, Superstar, bla blabla bla blabla bla blabla." Andrew Lloyd Webber würde Katzentränen heulen. Der Supermoderator nimmt Anlauf. Voller last minute Inbrust flötet er jedem Herumstehenden unerbärmlich "Hear we go. Toi, toi, toi!" in die Ohren. Ein Wunder, dass die bereitstehenden Sicherheitskräfte nicht bereits präkoital eingreifen müssen.

An dieser Fernsehshow, sprich am Konzept, wurde richtig gackert. Ganze drei Stunden Intensivbrainstorming mit Powersupervision und kurz mal Durchlüften-Pausen hatte man benötigt, um die jungfräuliche Idee zu gebären. Eine Idee, welche so revolutionär erschien, dass erst mal absolute Geheimhaltung verordnet wurde. Gut, etwas liess man schon durchsickern. Beworben will das Produkt ja sein. Also promotet man ein bekanntes Format - ohne Inhalte. Die sogenannten Inhalte werden später zum Entzücken der Fernsehnation in einem nie da gewesenen Oster-Spektakel nachgefüllt. Eine Sendung muss diesmal reichen; weshalb 33 Jahre aufs Finale warten, wenn man den Erlöser auch in einer Sendung direkt von der zukünftigen Glaubensgemeinschaft wählen lassen kann?
Direkte Demokratie in der Wahl des Gottvertreters. Gut, damit muss sich der TV-Erlöser schwer am Mittelmass orientieren - der Erfolg jeglicher Wahl in der Demokratie. Nur so kann gewährleistet werden, dass nach dem Show-Finale die Glaubens-Bekenntnisse des Erlösers, produziert von Dieter Bohlen, auch vom Volk freudig in die Charts gekauft werden. Ablass durch Konsum.
Die Konkurrenz schont das schokoladegeschwängerte Familienidyll auch nicht. So hat Sat1 dieses Jahr alle drei “Stirb langsam”-Filme im Programm. Blasphemisch? Keineswegs. Stirb langsam als moderne Metapher für die Passion Christi. Mel Gibsons Bibelgemetzel fehlt da die nötige säkulare Distanz. Heutzutage muss der Sender hauptsächlich Rücksicht auf Gefühle anderer Religionen nehmen. An Bruce Willis als Erlöser von den Bösen kann sich nun wirklich niemand stören. Wo ist eigentlich die Augsburger Puppenkiste geblieben? Solche Gedanken kokst sich Redakteur Sandelmann seit Jahren via Nase konsequent aus der Birne. Na denn, frohes Fest.

Die Schlussakkorde der Eröffungsmusik verhallen, die Sängerknaben strömen engelsgleich von der Bühne. Ein letztes Räuspern und Sigi erstürmt begleitet vom RTL-Fernsehballett verkleidet als himmlische Heerscharen die Showbühne. Gerade noch in der Maske jetzt schon auf Ihrer Showbühne. "Herzlich willkommen beim Finale von Deutschland sucht den Superjesus!" Während Sigi eine Lobhymne auf dieses nie dagewesene, von Emotionen kaum noch zu überbietende, Easter-Special (ohne Rudimental-Englisch scheint die deutsche Fernseh-Sprache komplett überfordert) von RTL singt, drapieren sich die Jury-Mitglieder artig auf ihrer Zuschauercouch, denn keine Superstarsendung ohne eine mehr oder minder qualifizierte Jury. Das weiss heute jeder.
Die fachkundige Jury besteht aus klerikalen und andern Prominenten, welche grad nix anderes vor hatten. Zu dieser Show liessen sich überreden: Jürgen Fliege für die authentische Ergriffenheit, Dee "Bee Jesus" Soust im Auftrag der Jesus Dance Factory, Dieter Bohlen, der leider nicht mehr wegzukriegen ist. Glaubt man Gerüchten, hat er gute Chancen, sich selbst einer Jury beim Casting zum Ingeborg Bachmann Preis mit seinen Werken präsentiren zu dürfen. Diedder trainiert schon heute seine Igelschnautze auf sein Ziel, mindestens den Literatur-Recall zu schaffen. Als Füller sitzen in der Superjesus-Jury noch Hilde Kracht von "Vogue Ethnic International" fürs moderne Jesusstyling und Iman Mohammed Al Ahmed, denn schliesslich ist Jesus auch ein Prophet im Islam, und wir wollen ja unsere türkischen Mitbürger miteinbeziehen.

Nur Mitarbeiter des Powersenders RTL können erahnen, welche Qualen bei der Geburt des Anforderungsprofils an den Superjesus ausgestanden werden mussten. Die Bibel ist dann halt doch etwas antiquiert und interpretationsfähig. Also entschied man sich, auch Frauen zuzulassen, denn heute könnte Jesus doch wohl auch von einer Frau verkörpert werden - eine heimliche Hommage an Alice Schwarzer, die sie selber wohl nicht als dringlichstes Ziel der Gleichberechtigung sehen würde. Egal, beim Fernsehen ist man nicht so entspannt wie Frau Schwarzer, denn die Quote zählt. Gegen eine Jesuine mit tiefem Ausschnitt kann niemand etwas einwenden, der Dieter als letzter. Und heute mehr denn je ist es wichtig, keine religiösen Gefühle zu verletzen, zumindest nicht die der terroristisch orientierten Fundamentalgläubigen. Zeneb, eine junge, sehr attraktive Deutsch-Türkin kam da als Kanditatin gerade recht; Erlöserin, Prophetin, Gottesanbeterin, wer hat da schon noch den Durchblick?

Sigi stellt die 8 artig in Position einlaufenden potentiellen ErlöserInnen vor:

Hans-Günther, 22, Theologiestudent und Teilzeitmasseur, spürt die Liebe Gottes täglich, und das vor allem dann, wenn seine beste Kundin, die fette Witwe Götschel, nur eine Nackenmassage benötigt.

Heike, 18, Abbiabbrecherin, weil ihr das zu theoretisch war, zur Zeit arbeitslos, aber Modelfigur, wollte schon immer "etwas Gutes" für die Menschen tun. Angesichts ihres Zahnpastalächelns bilden sich die ersten wirren Gedanken in den Kreativhirnen der Werbewelt, "Dove" jetzt auch als Zahncreme, in Form einer Friedenstaube, welche Heike sinnschwanger gehn Himmel entlässt.

Simon, allein der Name..., 20, Krankenpfleger und Kriegsdienstverweigerer. Kommt total sympatisch rüber. Die ersten Studio-Zuschauer brechen in Spontanjubel aus. Dieses schüchterne Grinsen käme auch am Kreuz ganz gut.

Zeneb, 20, Deutsch-Türkin, Studentin, sensibel und schön, bringt laut Sigi Exotik in die Kandidatenrunde. Jesus stammt aus ... genau, Köln-Mühlheim, zumindest Kandidatin Zeneb. Jury-Mitglied Mohammed schaut bereits ganz ergriffen.

Spikey, 19, kübelböckeskes Trauerspiel, aber auch daran führt mittlerweile kein Weg mehr vorbei. Kölner Scherzoriginal mit blauen Haaren und dem Charisma einer getuneten Klobürste. Roger Schawinski würde einen seiner fersehschafferischen Kernsätze rausschmettern: "Who cares!" oder "Find i guet!", inklusive interpunktivem Absolutionszeichen.

Sophie, 25, Kindergärtnerin und Seniorin unter den Bewerbern (gut, Jesus wurde auch nur ca. 33), Brillenträgerin, blond wie ein Engel. Notfalls könnte blond hier auch zum Programm werden, sozudagen als innere Haltung, blond als Charaktereigenschaft, hat bei Jenny Elvers jahrelang hingehauen.

Heiko, 19, südländischer Typ mit Feuer und Liebe in den Augen. Eindeutig der Frauenschwarm unter den Erlösern.

Kevin, 17 (ist der Film "Kevin allein zu Haus" schon so lange her?), Schüler und Freizeitmusiker mit Gitarre. Schreibt und textet seine Lieder selber, was er auch gleich unter Beweis stellen darf. Leider hat niemand nachgefragt, was er denn singen möchte. So kommt sein Akkustikmetal etwas schräg, die Werbung rettet zumindest den Zuschauer Zuhause.

Das Privatleben der Kandidaten bleibt erfrischenderweise verborgen. Erste Kandidaten-Castings mussten komplett ersetzt werden, weil bei der Durchforstung der privaten Umstände der Recallisten festgestellt wurde, dass diverse Existenzen vor allem vor die Kamera wollen, und sei es denn vor die Photokamera eines notgeilen Schmuddelphotographen. “Der Erlöser - die nackte Wahrheit” will nun wirklich niemand ertragen. Selbst die grösste Blasphemiebereitschaft hört an der Stelle auf. Wer möchte schon wissen, dass Sophie bereits als Model im Erotikbereich gearbeitet hat, oder dass Heikos Vorstrafenregister eher auf eine steile Catering-Karriere im Discovergnügnungszubehörsektor schliessen liesse. Gut, immerhin hat Heiko damit bereits Erfahrung mit Anhängern der hartnäckigeren Sorte.

Unter dem Gebrüll des Publikums, welches man bereits in Fanlager aufgeteilt hatte bevor dieses seinen jeweiligen Erlösern Gewähr wurde, dürfen die Kandidaten zum ersten Mal auf ihrer Kandidatenwolke Platz nehmen. Nur einer wird am Schluss vom Publikum ans Showkreuz - das T in RTL - genagelt und darf dann in den maximal dreimonatigen Showhimmel auferstehen.

“Lasst die Spiele beginnen!”, proklamiert Sigi. Die Wortwahl lässt Löwen erahnen, welche in einer ersten Ausscheidungsrunde die langsamen Kandidaten aussortieren. Weit gefehlt. Um die Erlöser-Aspiranten auf eine für den Zuschauer überblickbare Zahl zu dezimieren, müssen diese in einem ersten Spiel singend 12 Jünger aus dem Publikum anwerben. Für Hans-Günther ist die Aufgabe augenblicklich beendet, als sich die Witwe Götschel gutgeölt als erste Jüngerin zu seinen Füssen wirft. Er erleidet eine Glaubenskrise und ist nicht mehr in der Lage weitere Jünger anzuwerben. Sophie hat die Aufgabe nicht verstanden und versucht Herrn Bohlen mit Schmollmund und tiefem Ausschnitt anzuwerben. Der unterwirft sich höchstens seinem schlechten Geschmack. Und Kevin erinnert stark an einen alternden Pfadfinder-Führer, als er mit seiner Erlöserklampfe die rockschwingenden Etnologie- und Soziologie-Studentinnen einlullt. Das gibt auch gleich Abzüge beim Styling. Der Erlöser müsste schon etwas moderner rüberkommen. Was will man mit dem angestaubten Kirchentag-Image in der Werbung anfangen?
Die übrigen 5 Kandidaten überleben die erste Runde. Uff, endlich Werbung. Der Zuschauer kann in der Familie rasch ein paar Eier tütschen, Sigi und die Kandidaten brauchen dringend die Maske. Ob Jesus nach 40 Tagen in der Wüste auch seine Augenringe mit Ocker abdecken musste?

Im Backsstagebereich bricht eine junge Kandidatin zusammen; nicht wegen der nervlichen Belastung, sondern weil ihr gerade bewusst wird, dass sie sich hier als Muslima zur Wahl zum Superjesus beworben hat. Bei aller Geheimhaltung ging vergessen, dass die Kandidaten auch informiert werden sollten. Berühmt werden, ja. Aber als Erlöserin der Andersgläubigen?
Gerade Zeneb fand in der Vorauswahl guten Anklang: jugendliche Unschuld, Schönheit, ein engelsgleiches Lächeln und dann erst diese integrative, kulturübergreifende Symbolik. Aus Zeneb bricht die ganze Symbolik hervor, unglücklicherweise werden dabei auch die Schuhe vom Moderator und das eh schon arg verrotzte Taschentuch von Jürgen Fliege in Mitleidenschaft gezogen. Ah, wie christlich.

Die RTL-Heerscharen künden die zweite Runde an. Zeneb konnte im letzten Moment vom Juror Mohammed soweit beruhigt werden, dass auch sie jetzt die Chance für den Islam und für die persönliche Bekanntheit sieht. Alle 5 Rest-Erlöser stellen sich der nächsten Aufgabe: durch den eigenen Gesang einen Lahmen zum Tanzen bringen. Sigi betont noch mal, wie stolz man sei, die Bibel bei der Konzeptierung nicht ganz aussen vor gelassen zu haben. Sinnbildlich für den Lahmen hat man die Insassen des örlichen Altersheimes herangekarrt. Je mehr Lahme während des Songs aufstehen, umso besser für die Jesus Credibility des Kandidaten.

Simon eröffnet die Lahmenerquickung mit einem schmissigen “I’m walking on sunshine”. Der Song ist so alt und abgehalftert, dass ihn tatsächlich ein paar Oldies widererkennen und aus ihren Sitzen - nun springen wäre zu viel gesagt. Aber eine Bewegung in der Vertikalen ist zu erkennen. Die Jury attestiert Simon eine erfrischende Unbekümmerheit in Hinblick auf sein Erlöser-Schicksal. Dieter fand den Song Scheisse. Und Dee findet, dass ein geübterer Hüftschwung wohl deutlich mehr Rentner zum Mitmachen, sprich Hüftebrechen, animiert hätte.

Zeneb versucht sich an Christina Aguileras “Lady Marmalade”. Die Lahmen scheinen eher erschreckt, als erquickt. Nuttiges Outfit und laszives Brunftgeschreih kommen nur bei Dieter wirklich gut an. Er scheint sich eher an einer vermarktbaren Maria Magdalena als am Erlöser zu orientieren. Die Vogue-Tante findet das Styling mutig. Mohammed, deutlich erbleicht, weist auf die fehlende Ernsthaftigkeit hin. Als ob es zur besten Sendezeit und an Ostern darum ginge. Jürgen Fliege schwafelt etwas von jugendlicher Unbekümmertheit als Kernthema im Leben Jesu. Zenebs “unbekümmerte Performance” scheint allerdings eher durch Mut aus nackter Verzweiflung geboren zu sein.

Heike stolpert sich durch “Groove is in the heart”, Heiko schmettert “Let me entertain you“ und Spikey vergeht sich in einer Erlöser-Tunika - Jesus war zwar eher Jude als Römer, aber egal - an “I don’t feel like dancing“ von den Scissor Sisters. Dabei rennt er in quäkender Gandenlosigkeit über die Showbühne bis er einen der Alten zum Kompletterlahmen bringt. Nomen est omen - keinem ist nach Tanzen zu Mute. Sigi moderiert rasch die Werbung an und der umgekippte Lahme wird von der Sanität weggetragen. Vonwegen Heilung der Lahmen.

Wählen muss diesmal das Publikum: eine basisdemokratische Volkswahl des Messias per Telefon. Da hätten die Juden auch schon drauf kommen können - Voting statt Warten. Die Volkswahl beschert dem Sender zudem genügend finanzielle Mittel, um weitere, vom Ausland entlehnte Formate zu produzieren. In der Live-Sendung wird ein “Toyota Crucifixion” verlost. In dem Auto, das Jesus fahren würde, wickelt es sich doch gleich entspannter um die Leitplanke. Absolution am Lenkrad, Beichtfunktion im Navi, was will der moderne Gläubige mehr?

Backstage wird Zeneb mit Leitsätzen aus der Publicity-Welt gedopt: Wenn Du erst mal ein Star bist, interessiert das Kopftuch keinen mehr. Iman Mohammed scheint sich auch damit abzufinden, gegen eine grosszügige Gage. Was soll denn der moderne Papparazzi mit einer bis zur Unkenntlichkeit eingehüllten Erlöserin?

Die Fernsehnation zu Köln hat gevotet, und die himmlischen Heerscharen tanzen den schüchternen Simon von der Bühne in die Vergessenheit. In einer Live-Sendung bleibt keine Zeit, sich mit den Ausgeschiedenen zu befassen. Diese journalistische Aufgabe übernimmt am Montag das Magazin “Explosiv”. Der Regisseur flucht in seinem Technik-Bunker - Simon hätte leidend so gut ausgesehen. Diese ignoranten, debilen Zuschauer! Die meisten Fernsehverantwortlichen entwickeln über die Jahre einen Hass für ihr Publikum. Alles könnte so schön sein, ohne Quote.

“Lasst die Spiele beginnen” - jemand hätte Sigi wenigstens über ein paar Rudimentalideen der Bibel briefen sollen. Sigis Schlachtruf tut was er soll, und die übriggebliebenen Kandidaten machen sich an die Speisung der 5000. Diesmal geht es nicht ums Singen. Die Gehörgänge der Zuschauer seufzen erleichtert auf.
Was folgt, ist auch für Fernseherprobte schwer verdaulich. Unter der Leitung von Ralf Zacherl mantschen die Kandidaten Sushi zusammen als stünde der Japaner vor Köln. Zeneb schwitzt unter ihrem Hidschab den Schweiss der Sünderin. Glaubenszweifel reichen nicht aus, um einen Vertrag mit RTL aufzulösen. Spikeys individuelle Gestaltung - Sushi aufgewertet mit einzelnen blauen Haaren - und Heikes selbstvergessenes Rumgefalte lassen schon mal den einen oder andern wegzappen.

Die Jury darf vorkosten. Dees vorgespielte Fischallergie rettet ihn vor dem Bösen. Die Runde ist rasch entschieden. Heike hat zwar den schönsten, aber leider nur einen Sushi zustande gebracht. Das reicht nicht um die 5000 gefühlten Livezuschauer (genau genommen sind’s 1500) zu speisen und Heike ist raus. Und nix ist mit der Duschgelvermarktung mittels Friedenstaube.

Sigi schallmeit: “Und nun zum Showblock!” Was war das denn bisher? Eine Dokumentation über die Initiationsriten der Fernsehgläubigen? Nein, man will lediglich die inhaltliche Schwere der Sendung etwas runterfahren. Also spielt der Dieter sein neustes Lied, gesungen von Mark Medlock, Vorjahres-Erlöser. Werbung kann man nie genug machen. Das kennt der Zuschauer schon, da fühlt er sich wohl.

Die Reste der Erlöser-Kandidaten, Zeneb, Spikey und Heiko, werden im aufgezeichneten Portrait vorgeführt. Zeneb zeigt ihre ganze Familie. Mutter und Vater hocken artig auf dem Sofa, und lassen die Fernsehwelle über sich hinwegschwappen, unsicher was gerade mit ihnen geschieht. “Wäre es nicht toll, wenn ihre Tochter die Weltreligionen verbinden könnte?” Stille. Dann der Vater, “Wie bitte?” “Ja, Herr Aslan, ihre Tochter als Friedensstifterin! Das würde wohl jeden Vater stolz machen!” Damit ist alles gesagt.
Spikeys Homestory dreht sich um seine verrückte WG, in der alle ganz verrückte Sachen machen. So verrückte Sachen, wie die Küche im Vollrausch pink anmalen, alle rechten Schuhe entsorgen (man will nichts Rechtes im Haushalt), und anstatt eines Hundes hat die WG eine Ratte. Verrückt, dieser Spikey.
Heikos Film zeigt ihn im Fitnessstudio. Nur weil einer gekreuzigt wird, heisst das nicht, dass er seinen Körper vernachlässigen soll. Heikos Grundphilosophie: “Wenn ich nicht fit bin, dann bin ich nicht fit.”

Nach den Einblicken in die Psyche der potentiellen Erlöser ist der Zuschauer froh, wieder mit einem belanglosen Spiel gefoltert zu werden. Die christlichste Handlung dieser Sendung ist das martyrerhafte Nichtwegschalten der Glotzgemeinde: die Passion des Zuschauers.

Das finale Spiel vor dem Finale. Die Kandidaten sollen mittels eindringlichem Gesang symbolisch die Händler aus dem Tempel jagen. Ja, die Vorlagen vom ersten Jesus haben es schon in sich. Das Kreativteam der Sendung hat sich mittels Schulbibel auf den neusten theologischen Stand gebracht.
Nach etwas Kopfzerbrechen, resp. Nasenscheidewand-Löchern, war es klar wie die Erlösung: die Tempelhändler werden von Casting-Kandidaten dargestellt, die es nicht bis in die Sendung geschafft haben. Herr Bohlen war leider nicht zu überreden, selber den Tempelhändler zu geben. Sonst macht der alles für 30 Silberlinge. Einer selbstkritischen Haltung zieht Dieter die Möglichkeit, die Kandidaten erneut zu demütigen, vor. Demut ist schliesslich wichtig im Christentum. Nach dem Jury-Gemäkel ist wieder der Zuschauer dran. Der “Toyota Crucifixion” muss noch weg.

Die Lied-, sorry, Songauswahl liegt bei den Kandidaten. So entscheidet sich Heiko für einen Schmachtfetzen von Xavier Naidoo. Der Xavier ist auch irgendwie religiös. “Dieser Weg wird kein leichter sein” ist ja so falsch nun nicht. Die Girls kreischen sich weg, als Heiko seinen im Video trainierten Pektoral-Muskel vorführt. Dass er dem Ganzen stimmlich nicht gewachsen ist, stört nicht mal mehr die Jury. Wer so herzergreifend und sexy als Erlöser rüberkommt, kann tönen wie eine abgehalfterte Karaoke-Schwuchtel.

Nach intensivem Einreden, Ausreden und Drohen des Aufnahmeleiters traut sich Zeneb wieder ohne Hidschab und mit “Killing me softly” auf die Bretter an die sie später genagelt werden soll. Ihr Märtyrergesang und die echte Leidensmine, wenn auch aus völlig anderm Grund, kommen toll an. Sogar die Eltern im Publikum sind ergriffen: der Vater weint. Warum will jetzt niemand ergründen. Die Jury ist begeistert von Zenebs Mut.

Spikey mobilisiert seine Verrückheit und rennt wie ein von der Inquisition Verfolgter über die Bühne, während er sein Leid kund tut: “My heart will go on”. Aber der Zuschauer nicht mehr lange. Prompt hinterfragt Dieter die Songwahl. Der Untergang der Titanic erinnert allerdings tatsächlich an Spikeys Gejaule. Fast hört man unterschwellig, wie der Eisberg Platz macht, um dem Geflenne ein Ende zu bereiten. Das Ende bereitet Spikey der votende Zuschauer.

Und dann waren es nur noch zwei. Werbung, dann ultimatives Finale. Zeneb, die mittlereile auf Diazepam läuft, und Heiko werden die Erlöser-Stelle unter sich ausmachen. Dazu müssen beide den von Dieter Bohlen eigens komponierten Song “I feel the pain” (m.a.W., Dieter hat zwei Noten bei einem alten Song geändert) darbieten:

I feel the pain
going through my brain
and my hands
and my feet
I feel so obsolete
my dad has pressed “Delete”

The pain is in my groin
like a piece of grilled tenderloin
I know I can join
without a coin
it seems quite plain
all I have to do is remain

I feel the pain
I want to complain
about this strain
of being slain
where can I obtain
my heavenly reign?

Heiko simuliert Ergriffenheit, und Zeneb ist echt verzweifelt. Judas in Form von RTL hat sie verraten. Ein letztes Mal darf der Zuschauer voten. Klar, Heiko gewinnt, denn pubertierende Mädchen opfern ihr letztes Prepaid-Guthaben, um diesen Pektoral-Muskel am Kreuz wieder zu sehen. Zeneb bricht zusammen, als sie ausscheidet. Nur Sigi hält das noch für Enttäuschung.

Dann ist es endlich soweit, nach der Werbepause, Heiko ist der neue Erlöser. Er wird an ein Showkreuz gebunden während er verklärt Dieters Erlösersong trällert. Das Kreuz wird hydraulisch richtung Showhimmel gefahren, wo schon die Ausgestosssenen auf der Erlöserwolke auf ihn warten. Auffahrt ist real zwar erst in sechs Wochen, aber das hydraulische RTL-Erlöserkreuz ist showmässig zu gut. Auffahrt, Auferstehung, wer kennt sich da schon aus. Ab Montag will der Song verkauft sein, die Nummer Eins in den Charts (hiess früher Hitparade) ist vorprogrammiert.

Abspann, Aufatmen und schon kommen die ersten Ideen für ein Weihnachtsspecial: Uri Geller sucht eine Jungfrau Maria, die ultimative Illusionistin. Den Raben kann man notfalls als Engel Gabriel einsetzen, der die Geburt des Erlösers, also Heikos neuen Song, ankündigt.


© Carol Ernst (März 2008)