Tauchen statt Rauchen

Schweissgebadet wache ich auf - schon wieder dieser Traum: Ich erhebe mich von einem Plastikgussstuhl, inmitten einer depressiv guckenden Menschenrunde, in einem seelenlos eingerichteten Gemeindezentrum. Ich senke meinen sündigen Blick zu Boden und bekenne: "Ich heisse Carol Ernst und ich bin Raucherin." Danach bricht der Traum abrupt ab und ich blicke nassgeschwitzt in die nach Frühstück starrenden Augen meines Katers (pelzig auf vier Beinen, nicht pelzig auf der Zunge).

Diese Albträume müssen aufhören. Ich beschliesse, wieder ein akzeptierbares, sprich rauchfreies Mitglied der Mehrheitsgesellschaft zu werden. Per sofort. Da Rauchen eine Sucht, also eine Krankheit, ist, beantrage ich bei meiner Krankenkasse eine dreimonatige Entwöhnungs-Tauchkur auf den Malediven. Zum Glück kann ich glaubhaft versichern, dass ich schon alles versucht habe: Nikotinpflaster, Ziban™, Akkupunktur, Wandern und Ausdruckstöpfern. Keine Chance. Ein Tauchkurs allerdings dürfte nun wirklich jegliche Rauchversuche ertränken.

Nach meiner Rückkehr aus dem Nassurlaub und geläutert von der gesellschaftszersetzenden Sucht, muss ich neue Freunde suchen. Seltsam, als ich noch rauchte, konnte ich richtig Spass haben. Jetzt rege ich mich nur noch über den Rauch an den Spassorten auf. Und keiner meiner Freunde will so richtig mein neues, rauchfreies Dasein bejubeln und bewundern. Enttäuschend. Dabei habe ich mittlerweile Tiefsehtaucherreife. Na, wenigstens habe ich nun viel mehr Zeit als früher. Was mache ich nur mit den frei gewordenen Rauchpausen? Klar, ich schreibe ein Buch, nein, einen Bestseller: "Rauchen ist für Nichtschwimmer - mit Tauchen nikotinfrei.". Mit den üppigen Unterstützungsgeldern der Antiraucher-Kampagne des Bundes fällt es mir nicht schwer, einen Verleger zu finden. Im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit gehe ich auf eine Vorttragstour. Ich trete überall auf, wo meine Hilfe dringend von Nöten ist: Raucher-Lounges auf Flughäfen, Kulturlokale aller Gattung, Eingangsbereiche grosser Bürogebäude - mit anderen Worten, in alle modernen Leprakolonien. Meine Botschaft: "Ich habe es auch geschafft. Dive and breathe again!" Ein englischer Slogan kommt immer gut. Anfänglich werde ich noch mit glimmenden Zigaretten beworfen und als Gesundheits-Nazi betitelt. Allmählich jedoch lässt der Widerstand der penetranten Raucher nach. Wow, so muss sich Moses gefühlt haben, als er sein Volk ins gelobte und bestimmt rauchfreie Land führte.

Um meine Botschaft noch breiter zu streuen, nehme ich ein Angebot der Zeitschrift "fit for fun" an: eine 5-teilige Serie mit Titel "Tauchen statt Rauchen." Wenn ich mir noch Rauchpausen gönnen würde, überkäme mich spätestens an der Stelle ein metaphysisches Grauen. "fit for fun", das sind doch diese Körperbewegungs-Fanatiker… Egal, der Erfolg meiner Methode übertüncht alle Selbstzweifel. Endlich habe ich einen - wenn auch spirituell fragwürdigen - Trend begründet. Tauchferien boomen, und mir wird das Verdienstkreuz der Reiseveranstalter-Loge überreicht.

Das Fernsehen, sprich Kurt Aeschbacher lädt mich in seine Sendung ein, zum Thema: "Schall und Rauch." Ich beeindrucke in der Sendung durch meinen fundamentalistischen Charme dermassen, dass man mir eine eigene Sendung anbietet. Erste Brainstormings bei der Production Company führen zu folgendem Concept, äh, Konzept: Eine rauchfreie Erziehung für jede Altersgruppe, umgesetzt analog zum Supernanny-Format. Einmal die Woche werde ich uneinsichtige Raucher zu Hause besuchen und sie zwangsentwöhnen. Dazu wird im Wohnzimmer der jeweiligen Süchtigen ein Tauchpool aufgebaut. Wer nicht gehorcht, muss nicht auf die "stille Treppe" - die würde ohnehin als Rauchexil benutzt - sondern in den "stillen Pool". Ich spüre den Prix Walo in greifbare Nähe rücken und überlege mir rein präventiv, wem ich danken müsste.

Ein Jahr später ist die ganze Schweiz rauchfrei. Die ganze Schweiz? Nein. Eine kleine, aber hartnäckige Raucherszene hält sich am Zürcher Platzspitz. Die Szene ist unter Kontrolle, unter der direkten Kontrolle des Finanzministers Merz. Ein Päckli, welches nur noch an sogenannten Fiskalkiosken bezogen werden kann, kostet mittlerweile Fr. 2'533.--. Die Steuereinbussen durch renitentes Nichtrauchen der Schweizer sind jedoch nicht mehr auszugleichen. Verzweifelte Resteraucher haben Auspuffrohre an Autos für den kurzfristigen Kick für sich entdeckt.

Da auch Soldaten das Militär nur schwer drogenfrei ertragen können, wird Saufen obligatorisch. Das Ausland reagiert befremdet. UNO-Blauhelme begleiten von nun an Schweizer Armeeübungen. Bundesrat Blocher erleidet daraufhin einen Herzinfarkt und wird durch Roger Federer ersetzt...

Zack. Alles ist dunkel und feucht. Bin ich beim gesund Leben in der Sauna umgekippt? Nein. Es starren mich diese zwei Kateraugen an. Uff - nur ein Traum. Ich erkläre meinem hungrigen Vierbeiner: "Gleich. Ich muss erst mal Eine rauchen."


© Carol Ernst (November 2006)